Grundlagen

Etwa 5000 Totenzettel eingescannt

Die wachsende Mobilität der Bevölkerung, bedingt durch verschiedenste Faktoren u.a. durch Ausbildungswege, Erwerbs- und Arbeitsverhältnisse generiert das wachsende Bedürfnis, sich der eigenen Vergangenheit zu versichern und so zum Verstehen von tradierten Familiengeschichten beizutragen. In vielen Orten entstanden daher in den Heimatvereinen Datenbanken zur Familienkunde, in die der vorhandene Bestand der Archive nach und nach verschlagwortet eingepflegt wird, um diese Quellen der Öffentlichkeit zugänglich zu machen.

Innerhalb des Arbeitskreises Familienkunde im Heimatverein Damme hat sich daher ein ehrenamtlich arbeitendes Team zusammengefunden, das in der Regel jeden Dienstagabend zur digitalen Erfassung der von Wolfgang Friemerding angelegten Sammlungen, die im Keller des Stadtmuseums gelagert sind, zusammenkommt.

Nach Einrichtung der von vielen Spendern großzügig ermöglichten leistungsfähigen EDV-Technik mit der entsprechenden Software wurde mit dem Teilprojekt begonnen, die Totenzettel aus dem 19. Und 20. Jahrhundert einzuscannen. Name und Daten der Verstorbenen werden in eine alphabetisch angeordnete Liste eingefügt, unter der auch Foto und Text aufrufbar sind. Bei Namenswechsel z. B. Mädchenname/Ehefrau werden beide Einträge miteinander verknüpft.

Inzwischen werden dem Arbeitskreis auch von Interessierten aus Damme selbst und weiteren Orten des Landkreises häusliche Sammlungen von Totenzetteln überlassen, die nach dem Einscannen den Eigentümern zurückgegeben werden. Zwar ergeben sich häufig Überschneidungen, so dass möglicherweise unter 100 Totenzetteln vielleicht nur zwei noch nicht registrierte Daten von Personen gefunden werden; dennoch konnten bisher durch die Mithilfe vieler Interessierter nach und nach etwa 5500 für Damme relevante Einträge verzeichnet werden.

Totenzettel, die bei Beerdigungen an der Kirchentüre ausgehändigt werden, bilden unter den Quellen zur Familienforschung einen eigenen Bereich. Steckte man früher diese Zettel meistens in das eigene Gebetbuch, um im Gottesdienst oder in häuslicher Andacht noch weiterhin für den Verstorbenen zu beten, so werden sie jetzt zumeist in festen Umschlägen oder Kartons gesammelt aufbewahrt, wo sie oft erst von den Nachkommen entdeckt werden. Da die Daten zu Personen der letzten 100 Jahre noch dem Datenschutz unterliegen, daher nicht in amtlichen Stellen eingesehen werden können, bilden die Totenzettel somit eine wertvolle Quelle für die Daten der Generation der Urgroßeltern der gegenwärtig lebenden Familien, in denen durch die mündliche Weitergabe deren Lebensdaten oft ungenau überliefert wurden. Zwar bieten Totenzettel, zumeist von nahen Verwandten oder Nachbarn in Auftrag gegeben, auch nicht immer verlässliche Daten, oft aber auch Anhaltspunkte zum Lebenslauf, zu Beruf und Ehestand, zum Geburts- und Sterbeort, zu Wanderung in umliegende Regionen oder auch zur Auswanderung nach Übersee, von wo Angehörige den Mitgliedern der daheimgebliebenen Familien die Nachricht zukommen ließen. Angegeben wurde oft auch die Todesursache: Unfall oder bestimmte Krankheiten.

Zudem bilden diese Totenzettel eine interessante Grundlage für kulturhistorische Rückschlüsse auf Bereiche des religiösen Denkens, da die Gestaltung von Text und Bild einen langsamen Wandlungsprozeß der Mentalitäten seit Anfang dieses katholischen Brauchs im frühen 19. Jahrhundert ablesbar macht, wie Christine Aka für den Raum Visbek untersuchen konnte (Christine Aka, Tot und vergessen? Sterbebilder als Zeugnis katholischen Totengedenkens, 1996). Anfangs war es üblich, auf der Vorderseite religiöse Zeichen oder Bilder einzusetzen, umrahmt von einem schwarzen Trauerrand. Waren um 1900 Motive aus der Passionsgeschichte üblich, so bevorzugte man nach den Weltkriegen Bilder der Trauernden Mutter Jesu, besonders die Figur der Pieta von Bethen. Die Totenzettel für Gefallene bilden eine eigene Gruppe, für die vorwiegend das Foto des Toten eingesetzt wurde; nach 1960 überwiegen Dürers „Betende Hände“.

Die beigefügten Texte waren oft Fürbittgebete, Anrufungen, die einen Ablass gewährten, das Seelenheil des Verstorbenen stand im Mittelpunkt. Daneben wurde aber oft auch durch Beschreibung des Lebenslaufs dem Verstorbenen die Erinnerung/memoria in der Gemeinschaft des Dorfes gesichert werden. dessen Fleiß und Pflichterfüllung im arbeitsreichen Leben thematisiert wird; Frauen wird bevorzugt immerwährende Opferbereitschaft und Liebe zugeschrieben. Später standen Bibelzitate und Sinnsprüche aus der Literatur an dieser Stelle, jetzt oft auch eigene (oft aber vorgegebene) Reime.

Die Totenzettel sind somit wichtige Quellen für die Orts- und Mentalitätsgeschichte. Der Arbeitskreis der Dammer Familienforschung freut sich daher über jeden noch so geringen Beitrag aus weiteren Sammlungen.

Hilde Schreiner

Auf Wunsch der Familienforscher ist dieser Beitrag unredigiert übernommen.